Der verborgene Sinn somatoformer Symptome (Vortrag von Dr. med. T. Cotar)
Dr. med. Thomas Cotar, Zürich
Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts galt die Hysterie als eine neurologische Erkrankung. Erst mit Freuds bahnbrechender Entdeckung, „dass die Symptome gewisser Nervöser einen Sinn haben“ (GW XI, S. 79), gelang es erstmals, die hysterischen Körper-Symptome mit Hilfe der sog. Konversion als unbewusste psychische Konflikte zu verstehen, statt sie als körperliche Krankheit zu erklären.
Ganz anders sah Freud hingegen die Symptombildung bei der Neurasthenie (wörtlich: Nervenschwäche, heutzutage wohl am ehesten: Erschöpfungssyndrom), in der er keinen Sinn erkennen konnte, sondern „durchaus körperliche Vorgänge, ohne Sinn und Bedeutung“ (GW XI S. 402).
Das änderte sich schon bald, wie sich in den folgenden Jahrzehnten zeigte. Eine bedenkenswerte Hypothese entwickelte u.a. Max Schur (Comments on metapsychology of somatization,1955, Psychoanalytic Study of the Child 10, p. 122ff.), die bis heute grosse Beachtung findet: Unerträglich erlebte Affekte werden somatisiert, wodurch ebenfalls eine seelische Entlastung gelingt um den Preis anonymer, körperlicher Symptome. Zwar war auch damit ein Sinnverstehen körperlicher Symptome gewonnen. Dennoch blieben Patienten mit somatoformen Symptomen ausserordentlich schwierig bis gar nicht behandelbar, weil sie sich heftig gegen einen sinnverstehenden Zugang zu ihren Beschwerden wehrten.
In neuerer Zeit entwickelte Gerd Rudolf eine Theorie (Strukturbezogene Psychotherapie, 2013, Schattauer), die diesen Schwierigkeiten in der Therapie Rechnung trug. Er geht davon aus, dass die Gegenwehr der Patienten nicht einer Abwehr von unbewussten Konflikten dient, sondern Folge einer defizitären Persönlichkeitsentwicklung ist, die kein Sinnverstehen zulässt. Damit verliess er aber den hermeneutischen Zugang zu den Patienten mindestens teilweise.
In dieser therapeutisch und theoretisch verfahrenen Situation öffnet die von Alice Holzhey konzipierte Daseinsanalyse (Daseinsanalyse, 2014, Facultas) den Horizont: Sie verortet zum einen das seelische Leiden im Unterschied zur Psychoanalyse nicht nur in „Reminiszenzen“ aus der Kindheit, sondern auch im „Leiden am eigenen Sein“. Es geht also nicht nur um Vergangenes, sondern immer auch um existenziale Grundthemen und Grundkonflikte, die uns ein Leben lang beschäftigen, weil sie zur conditio humana gehören. Zum anderen spricht sie statt von einer Somatisierung von Affekten, von einer „Delegation“ des seelischen Leidens an den Körper.
Wie ein solches Sinnverstehen von augenscheinlich körperlichem Leiden daseinsanalytisch aussehen und wie der Zugang zu solchen Patienten trotz aller Gegenwehr gelingen kann, wird anhand eines Falls von Neurasthenie dargelegt.
Zeit: Donnerstag 09. April 2026, 20:00-21:30 Uhr
Ort: Weggenstube, Restaurant Weisser Wind, Oberdorfstrasse 20, 8001 Zürich
Eintritt: Fr. 20.- / frei für Studierende sowie GAD-Mitglieder